Paris – Brest – Paris, ein 1.220 km langer nonstop Radklassiker

Patrick Kaurisch und Oliver Weber bewältigen 1200 Kilometer (fast) am Stück

 

Paris
Patrick Kaurisch (links) und Oliver Weber haben das Ziel in Rambouillet erreicht.



Paris – Brest – Paris (PBP) gilt als eine der ältesten Radsportveranstaltungen überhaupt.

Bereits wenige Jahre nach Entwicklung des Fahrrades sollte mit der ersten Ausführung im Jahre 1891 dessen Leistungsfähigkeit auf einer ca. 1.200 km langen Strecke von Paris bis zum Wendepunkt in Brest und zurück nach Paris demonstriert werden. Der Gewinner dieses ersten Rennens, der Franzose Charles Terront, bewältigte die Strecke bereits in unglaublichen 71 Std. und 22 Min ohne Schlafpausen. Die langsamsten der über 200 Teilnehmer in diesem Rennen allerdings bis zu 10 Tage.

Der Beweis für die Leistungsfähigkeit dieses Gefährts war damit mehr als erbracht und bis heute hat sich an der Geometrie des sogenannten Diamant (Trapez) Rahmens nichts Grundlegendes mehr geändert.

Aus einem Radrennen für Profis wurde ab ca. 1956 nach und nach eine Veranstaltung der Randonneure – der ambitionierten Radwanderer.

Von einigen Randonneuren wird dieser alle 4 Jahre stattfindende und von Ehrenamtlichen organisierte Klassiker, nicht ganz ernst gemeint, auch als die „Olympische Spiele der Randonneure“ bezeichnet. Es kann jeder der 18 Jahre alt ist teilnehmen und der sein Rad mit eigener Kraft antreibt, egal ob das Gefährt edel, alt, modern oder schräg aussieht, ob Renn-, Touren-, Klapprad, Fatbike, Tandem-, Tridem, Dreirad, Liegerad, etc. Allerdings muss sich jeder, über eine im selben Jahr zu absolvierende Randonneur-Brevetserie (200, 300, 400 und 600 km) qualifizieren, bevor er sich anmelden kann.

Bei der 19. Austragung von PBP mit dabei waren die beiden Wetterauer Triathleten Patrick Kaurisch und Oliver Weber, die bereits im letzten Jahr mit der Teilnahme an 300 und 600 km Brevets in die Vorbereitung auf dieses Ereignis eingestiegen waren.

Gemeldet für die Startgruppen 80 Std. (84 und 90 Std. wären auch möglich gewesen) war der Start am Sonntag, 18.8. um 16.45 Uhr, bei bestem Wetter, nachdem es zuvor 2 Tage und noch bis 3 Stunden vor dem Start intensiv geregnet hatte. Verbunden mit den weggeblasenen Wolken war allerdings 610 km Gegenwind bis Brest

Auf kleinen Straßen ging es, auf zumeist rauem Asphalt gen Westen, zum Wendepunkt in Brest. Die erste Kontrolle mit Verpflegungsmöglichkeit kam bei km 217. Es war daher ratsam, insbesondere beim Start ein paar Kohlenhydrate als Reserve für die Nacht dabei zu haben. Danach wurden die Abstände zwischen den Kontrollständen enger.

Nach Brest und etwa 30 Std. radeln ohne Schlaf wurde es langsam zäh. Die Müdigkeit trübte die Sinne. Bei Oli wurden die Schatten zu Vögeln die angriffen und Patrick fiel für eine kurze Zeit der Name seines Mitstreiters nicht mehr ein. Ob es bleibende Schäden verursachte, das dürfen die Lieben dann beurteilen. Anderen ging es schlechter. Die fuhren den Raben hinterher und landeten im Graben. Gefressen wurden sie nicht, aber kleinere Verletzungen blieben nicht aus. Nach ca. 700 km, wurde am nächsten Kontrollpunkt 2,5 Std. geschlafen. Mit einem Gefühl wie nach einer normalen Nacht, ging es beschwingt in den Morgen weiter gen Osten.

Leider kam die Würdigung der Helfer und der am Straßenrand stehenden Menschen bei den beiden zu kurz. Es war unglaublich zu sehen, wie viele Menschen, ob jung oder alt, dieses 610 km Stück Tag und Nacht säumten und den Randonneuren mit Begeisterung zujubelten und abseits der Kontrollpunkte Getränke und Kleinigkeiten zum Essen oder auch Schlafgelegenheiten anboten. Tausende freundliche und kompetente Helfer versorgen die Fahrer Tag und Nacht mit allem was benötigt wurde. Am Wichtigsten war der Kontrollstempel, dann Essen und Trinken, ggf. duschen, schlafen, Radreparatur, Körper- und Seelenreparatur, wenn extremer Schlafmangel und Anstrengung Merkwürdiges mit einem trieben und dann auch schon mal ein Kerl wie ein Baum zur tropfenden Zitterpappel wurde.

Bei km 845 wartete Patricks Frau Regina auf die beiden Randonneure. Eine Dusche, Kleidungswechsel, ein gutes und stärkendes Essen und ein kurzer Powernap wirkten wie Lebenselixier. Die Wirkung hielt an bis zum Ziel, obwohl noch eine dritte Nacht dazwischen lag und es sich nach Brest für kurze Zeit so angefühlt hatte, als ob die gesetzten 80 Stunden schwer erreichbar seien. Zum Schluss waren dann sogar noch gelegentliche Tempoverschärfungen und Zwischensprints möglich, was die beiden angesichts der bereits zurückgelegten Kilometer und der immer noch willigen Beine sehr erfreute und belustigte.

Nach respektablen 66 Std. 35 Min erreichten die beiden schließlich das Ziel im sonnendurchfluteten Schlosspark von Rambouillet.

Da die beiden nun wissen, wie man aus dieser Tour noch mehr Genuss ziehen kann, denn 90 Stunden darf man brauchen, keimte bereits im Zielkanal Wunsch auf, 2023 wieder teilnehmen zu können.

Text: Patrick Kaurisch

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